Dazugehören

Dazugehören – das ist und bleibt ein urmenschliches Bedürfnis. Es ist Basis aller Formen der Vergemeinschaftung: Freundschaft, Partnerschaft, Ehe, Familie, Verein, Kirche, Gewerkschaft, Bürgerinitiative, Partei … nicht zuletzt sind hier auch die sog. „Sozialen Netzwerke“ zu nennen.

Aber wie schaut es im Betrieb, am Arbeitsplatz aus? Welche Bedeutung hat Zugehörigkeit hier? Wie wird sie erfahren? Vor allem: Wie entsteht sie, wie wird sie organisiert, wie gepflegt – und wie kann sie beschädigt oder gar zerstört werden?
Gerade in Zeiten des drohenden (oder z.B. im Bereich der Altenpflege und der Kinderbetreuung schon massiv spürbaren) Fachkräftemangels sind das auch für normale Betriebe und Organisationen längst keine theoretischen Fragen mehr.
Unter dem Titel „Zugehörigkeiten – Was Betriebe zusammenhält“ fand daher im März eine Fachtagung in Tutzing statt, wo das Thema von ExpertInnen aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wurde.

Ohne die Etablierung von Zugehörigkeit könnte kein Unternehmen, keine Organisation existieren. Zugehörigkeit hat allerdings zwei Seiten, eine rechtliche und eine psychologische. Die rechtliche Seite wurde traditionell durch Ausbildungs-, Arbeits- und Tarifverträge geregelt. Diese spielen immer noch die wichtigste Rolle – aber andere Rechtsformen sind dazugekommen: die Arbeitnehmerüberlassung, die Werkverträge, die freien Mitarbeiter, das Crowdsourcing. Oft tun zwei dieselbe Arbeit und es ist äußerlich gar nicht erkennbar, dass sie diese unter völlig unterschiedlichen rechtlichen Bedingungen tun. Trotzdem prägt der juristische Vertrag auch den psychologischen Vertrag. Wer nur befristet beschäftigt ist, wird zwangsläufig immer auch mit einem Auge auf den Arbeitsmarkt schauen, um rechtzeitig eine Anschlussbeschäftigung zu finden. Wer dieselbe Arbeit für weniger Lohn tun muss, wird vielleicht auch bei seinem Einsatz Abstriche machen. Wer erlebt, dass Beschäftigte bei der Unternehmensführung vor allem als Kostenfaktor gelten, der je nach Geschäftslage oder Managementmode gesteuert wird, wird keine Identifikation mit dem Unternehmen entwickeln können. So kann keine emotionale Bindung entstehen.

Loyalität, Vertrauen, Leistungswille, Solidarität, Verbundenheit, Verlässlichkeit – das sind die ungeschriebenen Paragraphen des psychologischen Vertrags, sind die „Human Ressources“, die ein Unternehmen braucht, um als Ganzes seine Leistung zu erbringen, zum Nutzen für die Gesellschaft und damit zu seinem eigenen Fortbestand und Gedeihen. Viele Betriebe – übrigens nicht nur Familienunternehmen, sondern auch Kapitalgesellschaften und andere Körperschaften – wissen das von alters her und tun viel dafür, diese Ebene gut zu entwickeln. Die verheerenden Folgen, die es haben kann, wenn die Pflege des psychologischen Vertrages vernachlässigt wird, kann man aber leider auch immer wieder verfolgen.

Zugehörigkeit ist überdies – das sei noch kurz erwähnt – weit vielfältiger als nur die Zugehörigkeit der Belegschaft bzw. der einzelnen MitarbeiterInnen zum Betrieb. Betriebe gehören zu einer Stadt, einer Region, einer Nation; auch zu Eigentümern, Branchen, Epochen. Und auch umgekehrt: Zu Betrieben gehören Kompetenzen, Produkte, Sortimente, Standards; natürlich Kunden, Lieferanten, Gebäude und Maschinen – auch Kulturen, Traditionen, Geschichte(n), ein Image.

Es lohnt sich, dem Thema „Zugehörigkeiten“ Aufmerksamkeit zu schenken – nicht nur auf Fachtagungen, sondern vor allem im betrieblichen Alltag.

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