Mensch, Organisation und die Rhythmisierung der Zeit.

Zeit ist an sich schon ein Mysterium – rein physikalisch, aber auch psychologisch und biographisch. Wahrnehmbar und handhabbar wird uns Zeit vor allem durch ihre Strukturierung und Rhythmisierung. Tag und Nacht, Sonntag und Werktag, die Jahreszeiten, Feiertage, Jubiläen usw. Diese Rhythmisierung der Zeit prägt unser individuelles Leben. Sie prägt aber auch das Leben von Organisationen. Es fühlt sich eben anders an, ob Sie am Morgen in ein Büro kommen oder am Mittag oder am Abend. Die Tage vor den Großen Ferien und vor Weihnachten sind auch am Arbeitsplatz anders als andere Tage. Und es ist anders, ob Sie in einem Betrieb mit 5-Tage-Woche von 8 bis 17 Uhr arbeiten oder in einer 24/7-Organisation, also einer Organisation, die immer in Betrieb oder zumindest in Bereitschaft ist, etwa einem Krankenhaus, einer Polizeidienststelle oder einem Verkehrsbetrieb.

Solche Betriebe ohne Auszeiten (Nacht, Wochenende, Betriebsurlaub) entwickeln notgedrungen eine andere Kultur. Das prägt die Organisationen selbst und auch die Mitarbeitenden. Es gibt kein Ausklingen vor dem Urlaub und keinen sanften Einstieg danach, kein Aufräumen am Jahresende, keinen „Casual Friday“. Und oft auch sonst keine Rhythmisierung der Zeit.

Seit langem weiß man, wie sehr eine solche permanente Irritation ihrer Zeitstruktur Menschen belastet: zunächst ihre Teilhabe am sozialen Leben; das spüren die meisten sehr schnell, auch wenn sie die Folgen oft unterschätzen; dann belastet sie aber auch gesundheitlich, weil der Biorhythmus ständig gestört ist. Die Folge: Schlafstörungen, Herz- und Kreislauferkrankungen, Depressionen sind bei Schichtarbeit signifikant häufiger als bei regelmäßigen Arbeitszeiten.

Die Herausforderungen für die betriebliche Gesundheitsförderung sind daher enorm – und keineswegs mit (und sei es noch so attraktiven) Wellness-Angeboten abzuhaken. Die wirklich wirksamen Themen heißen: Personalausstattung, Führungskultur, Dienstplangestaltung; sodann: Umgang mit Überstunden, mit opt-out-Regelungen (die von Beschäftigten zum Teil gern genutzt werden, aber nicht unproblematisch sind), Bereitstellung von Personalräumen.

Die wichtigsten Stellschrauben für die Rhythmisierung der Zeit sind Personalausstattung und Dienstplangestaltung; und die hängen zusammen. Je mehr Personal zur Verfügung steht, desto stabiler können die Dienstpläne gestaltet werden. Ist hingegen alles auf Kante genäht, dann wirft womöglich schon eine einzige Krankmeldung den ganzen Plan über den Haufen.

Klar: Personalausstattung hat mit Finanzausstattung zu tun und mit der (mangelnden) Verfügbarkeit entsprechend qualifizierter Kräfte auf dem Arbeitsmarkt. Daran ist auf der Makroebene des gesellschaftlichen Bewusstseins und der politischen Rahmenbedingungen zu arbeiten. Verbesserungen der Dienstplangestaltung oder der Führungskultur aber können vor Ort angepackt werden.

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