Organisationen verdrängen Moral

Diese These vertritt der Hamburger BWL-Professor Günther Ortmann in einem soeben erschienenen Beitrag. Organisationen entwickelten demnach „im Laufe der Zeit einen Eigensinn und eine Eigendynamik, mittels derer sie sich von den Zielen ihrer Mitglieder und von den Zwecken, um deretwillen sie einst gegründet wurden, emanzipieren“ (2).

Die Menschen in der Organisation aber – sei es ein Unternehmen, eine Behörde, eine Kirche, eine Armee, ein Krankenhaus oder eine Bank – könnten sich den Anforderungen der jeweiligen Organisation kaum entziehen; auch nicht den unmoralischen. Daher seien die unmoralischen Aktivitäten und Strategien, die die handelnden Personen im Sinne der Organisation entwerfen und ausführen (z.B. Korruption, Steuerbetrug, Kriegsverbrechen, Sexuelle Gewalt, Falschberatung von Kunden), auch der jeweiligen Organisation zuzurechnen – und nicht den handelnden Personen.

Dieser Zusammenhang wird allerdings in der Regel organisational verdrängt. Wird eine unmoralische und ggf. sogar strafbare Praxis in einer Organisation aufgedeckt, so wird dies meist als individuelles Fehlverhalten des einzelnen Mitarbeiters qualifiziert.
Ortmann will mit seiner These die Bedeutung der einzelnen Personen für die Moral in Organisationen auch keineswegs negieren. Auch dass Organisationen auf Moral angewiesen sind, steht für ihn fest.

Nur: damit Moral in einer Organisation entwickelt und gelebt werden kann, braucht es ein funktionierendes kommunikatives Bezugssystem, eine Kultur der Responsivität, „eine Ethik des Gebens, Nehmens und Erwiderns“. Auch das Verhältnis von Organisation und Individuum ist ein rekursives. Und sowohl auf der Ebene der Organisation wie auch auf der des Individuums braucht es Compliance (Einhaltung der äußeren Gesetze und Regeln) und Integrität (eigene moralische Standards) – so dass man letztlich vier Bezugsfelder hat: organisationale Compiance und organisationale Integrität, individuelle Compliance und individuelle Integrität.
Rein formale Compliance-Regeln und Wertemanagement-Systeme sind nach Ortmann zwar sehr hilfreich, aber doch überfordert, die Moderation der notwendigen „feinkörnigen Moralität des Gebens und Nehmens in den ‚micromoments‘ der tagtäglichen Interaktion“ zu gestalten. „Diese Moralität muss sich im Alltag, in tausendfältigen Interaktionen entwickeln und stabilisieren, und auch dafür müssen Organisation und Management Raum, Regeln und Ressourcen geben.“ (7)

Literaturangabe:
Günther Ortmann, Moralverdrängung in und durch Organisationen, in: Positionen. Beiträge zur Beratung in der Arbeitswelt, Heft 3_2011 Link zu diesem Artikel

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