Die Geld haben – und es zum Wohle anderer einsetzen

Es gibt viele Menschen mit großen Vermögen. Nicht wenigen dieser Menschen ist es ein Anliegen, ihr Vermögen sinnvoll einzusetzen. Bill Gates und Warren Buffett sind die vielleicht bekanntesten von ihnen.

Unabhängig von politischen Überlegungen zur Verteilungs(un)gerechtigkeit oder zur wachsenden Schere zwischen arm und reich: es ist natürlich immer zu begrüßen, wenn jemand der Allgemeinheit von dem Vermögen (zurück)gibt, das er oder sie aufgrund eigener Leistung und glücklicher Umstände – meist braucht es ja beides – (und hoffentlich nicht durch Steuerhinterziehung, Geldwäsche oder auf sonstigen unlauteren Wegen) erwerben konnte.

In der US-amerikanischen Gesellschaft schon lange verbreitet, gewinnt diese Praxis derzeit auch in Europa an Bedeutung; und zwar so stark, dass die schweizerische Großbank UBS im Rahmen ihres Wealth-Management-Angebotes inzwischen eine eigene Abteilung „Philanthropy & Values-Based Investing“ unterhält.

Dr. Mathias Terheggen, Senior Advisor Philanthropy & Values-Based Investing der UBS, präsentierte am 8. Mai 2012 sein Verständnis dieser Entwicklung im Rahmen der „Ringvorlesung Gesellschaftlche Innovation“ an der Hochschule München.

Demnach geht es wohlhabenden „Philanthropen“ darum,

  • ihr Geld sinnvoll einzusetzen und damit Gutes zu bewirken
  • dazu eigene Interessen und Anliegen realisieren zu können und eigene Visionen zu entwickeln
  • die Verwendung ihrer Mittel selbst zu steuern und die Effekte zu beobachten.

Diese Ziele ließen sich durch soziales Investment besser umsetzen als durch Spenden. Und: auf diesem Weg hätten gesellschaftliche Innovationen – die inzwischen als eigene Größe neben dem technischen Fortschritt gesehen werden müssen – teilweise bessere Chancen auf Realisierung, weil der Privatinvestor eine reduzierte Rechenschaftspflicht habe, daher höhere Risiken eingehen könne und ggf. auch eine längeren Atem habe als staatliche Institutionen oder spendenfinanzierte Orgnisationen.

Genau hier, das wurde in der anschließenden Diskussion deutlich, setzen aber auch Kritikpunkte an:

  •  Die Öffentlichkeit hat kaum steuernden Einfluss und es ist hauptsächlich von den Anliegen des Wohltäters abhängig, wer von seinem gesellschaftsinnovativen Investment profitiert – und wer eben nicht.
  • Auch die reduzierte Rechenschaftspflicht hat ihre eigene Problematik, bedenkt man, dass nach der ISO 26000, dem internationalen Leitfaden zur gesellschaftlichen Verantwortung, gerade die Rechenschaftspflicht eines der sieben Grundprinzipien gesellschaftlich verantwortlichen Handelns darstellt.

Eine weitere Frage möchte ich selbst noch anfügen: Besteht nicht auch die Gefahr, dass das zunehmende private Engagement im sozialen Bereich als Legitimation für den Rückzug des Staates aus seiner sozialer Verantwortung missbraucht wird. Ich meine Anzeichen dafür zu sehen, und das sollte man im Blick behalten, ohne deshalb die private Wohltätigkeit diffamieren zu wollen. Inzwischen erheben ja immer wieder auch reiche Mitmenschen selbst ihre Stimme und fordern eine höhere Besteuerung ihrer Einkommen und Vermögen – wie z.B. kürzlich der Bestsellerautor Stephen King: „tax me!“ (Süddeutsche Zeitung, 3.5.2012, S.13). Denn sie spüren, dass die gesellschaftliche Lastenverteilung nicht mehr in guter Balance ist.

Schließlich möchte ich noch erwähnen und unterstreichen, was Mathias Terheggen am Ende sehr betont hat:
Philanthropie, Menschenfreundlichkeit beginne überhaupt nicht mit Geld. Sie beginne mit der Grundhaltung, sich in der Gesellschaft und für die Menschen zu engagieren – und das könne in irgendeiner Form fast jede/r, und vor allem: es gehe auch ohne Geld.

Webseiten von Dr. Reinhold Reck:
Beratung ::: Coaching ::: Supervision
Biblische Seminare
POLITEUO – Bürger sein – politisch sein

Webseite der ZUKUNFT26000GmbH:
ZUKUNFT26000

3 Gedanken zu „Die Geld haben – und es zum Wohle anderer einsetzen

  1. Walter Reck

    ich unterstütze alle bisher vorgebrachten Argumente. Nur würde ich gern noch etwas stärker betonen, dass bei aller Suche nach der besseren oder sehr guten Lösung auch die gute Lösung lobenswert ist. Sprich, es ist doch sehr viel besser, wenn jemand sein Vermögen fürs Allgemeinwohl einsetzt, als wenn er es ausschließlich für sich und seine Erben behält. Solange das auf rein freiwilliger Basis geschieht, wäre ich auch sehr zuückhaltend damit, die Motivation des Wohltäters zu interprätieren. Völlig unabhängig davon sollte die Diskussion darüber weitergeführt werden, in welcher Form wir die gesetzlichen Regelungen zur Sozialverpflichtung von Eigentum weiterentwickeln.

  2. Wolfgang Dykiert

    Privates Engagement kann nur kurz- bzw. mittelfristige staatliche Defizite ausgleichen – darf aber nicht langfristig dazu führen, dass sich der Staat immer weiter aus seiner sozialen (Steuerungs-)Verantwortung raus zieht. Andererseits muss man froh sein, dass bei zunehmend mehr Unternehmen / Unternehmern die Erkenntnis wächst, dass die Teilhabe an ihrem Wohlstand die Basis eigenen Wohlergehens ist. Solange dies nicht in eine moderne Form des „Ablasshandels“ ausartet – sondern aus tiefster Überzeugung geschieht – sollten wir froh sein, dass es offenbar sogar schon Ausnahmen unter den viel gescholtenen Banken gibt, dies sich diesem Thema annehmen.

  3. Reinhard Jesberger

    Die Schlussfolgerung teile ich. Philanthropie kann gutes bewirken. Aber Philanthropie kann nicht zur Rechtfertigung herangezogen werden, dass der Staat sich aus seiner Verantwortung zurück zieht.

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